Kirchen als Vierte Orte?
Kirchen stehen im Zentrum eines Strukturwandels: weniger Gottesdienste, weniger institutionelle Bindung – und gleichzeitig eine starke architektonische, historische und emotionale Präsenz in Dörfern und Städten. In NRW greifen Kulturorganisationen, Gemeinden, Architekt:innen und Künstler:innen diese Entwicklung aktiv auf. Sie machen Kirchen zu Vierten Orten: Räume, die neben Zuhause, Arbeitsplatz und Freizeitort eine weitere Bedeutungsebene eröffnen – als Orte der Identität, der Teilhabe und der kulturellen Öffentlichkeit.
Die Wanderausstellung „Kirchen als Vierte Orte – Perspektiven des Wandels“ zeigt aktuell in der Berger Kirche in Düsseldorf, wie ehemalige oder teilweise entwidmete Kirchen in Nordrhein-Westfalen neue Funktionen übernehmen können. Zusätzlich gibt es in NRW zahlreiche weitere Formate, in denen Kirchen bewusst als Kunst- und Kulturorte genutzt werden – von dauerhaft umgenutzten Kunstkirchen bis hin zu temporären Ausstellungen.
Zu sehen ist die Ausstellung des Museum der Baukultur NRW noch bis zum 13. Dezember 2025. Inhaltlich stehen Menschen im Mittelpunkt, die an Transformationsprozessen von Kirchen beteiligt sind – Architekt:innen, Gemeindemitglieder, Pfarrer:innen oder Projektentwickler:innen. Über Video-Interviews, Fotos, Dokumentationen und Texttafeln werden Haltungen, Konflikte und Chancen der Umnutzung sichtbar gemacht.
Ein Schwerpunkt der Wanderausstellung sind 27 konkrete Beispiele bereits umgenutzter Kirchen: die Christus-König-Kirche in Düsseldorf (heute ein Familienzentrum), die Dreifaltigkeitskirche in Köln (jetzt ein Aikido-Dojo), die Friedenskirche in Bochum (ein Stadtteilzentrum), St. Rochus in Jülich (ein Fahrradgeschäft) und die Kreuzeskirche in Essen (Mischnutzung für Gottesdienste und Veranstaltungen). Die Kirchen sollen als Orte erhalten bleiben – und eine neue Bedeutung als kulturelle und soziale Räume gewinnen.
Im Gegensatz dazu ist die Integration von Kunst in der Kölner Kirche Sankt Peter seit Jahrzehnten fest etabliert. Die Kunst-Station Sankt Peter empfängt Besucher:innen in einem ungewöhnlich monochromen Kirchenraum ohne feste Bestuhlung: heller Naturstein, ein fugenloser Boden und eine schwebend wirkende Holzdecke machen den spätgotischen Bau zu einem Ort, in dem jedes Geräusch und jeder Schritt spürbar wird.
Seit 1987 wird der Raum als Kunststation genutzt. Initiiert von Pater Friedhelm Mennekes und fortgeführt von Guido Schlimbach begegnen sich hier zeitgenössische Kunst, Neue Musik und Liturgie auf Augenhöhe – mit ortsspezifischen Installationen, Konzerten und wechselnden Ausstellungen. Die Vermittlungsangebote reichen von Künstlergesprächen und Führungen bis zu spirituellen Formaten wie Exerzitien oder thematischen Gottesdiensten. Bildungsangebote für Kunstinteressierte und Gemeindemitglieder ergänzen das Programm, sodass der schlichte Raum immer wieder neu als Erfahrungsfeld für individuelle Wahrnehmung, Reflexion und Dialog entdeckt werden kann.
Noch bis zum 08. Februar 2026 ist die raumgreifende Installation NETZ der Künstlerin Anna Sokolova zu sehen. Die eigens für die Kirche entwickelte LED-Installation dient als verbindendes Element von Raum und Zeit und ermöglicht kontemplative und magische Momente.
Kunst-Station Sankt Peter, Leonhard-Tietz-Strasse 6, 50676 Köln
Ausstellung: Kirchen als Vierte Orte
Text und Fotos: Simone Szymanski
